Wenn ich Politiker*in wäre - Wie Freiwillige aus unserem Projekt engagiert+inklusiv Gesellschaft gestalten würden

Quelle: BAGFA Inklusionsprojekt

Menschen mit einer wesentlichen Beeinträchtigung gelten als Teilhabe-behindert. Ihr Problem ist seelischer, körperlicher oder kognitiver Natur. Sie nutzen die Begegnungsstätten und Angebote der ambulanten Sozialpsychiatrie in Hamburg (ASP). Interessierte an einem bürgerschaftlichen Engagement beteiligen sich seit Mai 2016 bei dem paritätischen Projekt engagiert + inklusiv.

Wenn bürgerschaftliches Engagement mehr als helfen sein soll, wenn es um Mitgestalten und den Einsatz für unsere Gesellschaft gehen soll, dann braucht es dazu Bildung. Wir müssen den Freiwilligen Qualifizierungsangebote machen: Denn gutes Engagement fördert auch die Demokratisierung der engagierten Mitbürger*innen.

In diesem Kontext haben wir uns  - in den sechs paritätischen Freiwilligen-Projektteams - Gedanken über praktische Politik, also unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben gemacht.

Hier sind die zusammengefassten Ergebnisse des Zukunftsspiels „ich bin jetzt Politiker*in.   Es ging hierbei nicht um Lösungen, sondern um einen Anlass sich über unsere Gesellschaft im Freiwilligen-Team Gedanken zu machen und dies in drei Schritten:

Kritik – Konstruktives – Action!

Viel Spaß bei der Lektüre!

Nicole D. Schmidt (Projektleitung engagiert + inklusiv)

 

Alle 6 Freiwilligenteams haben sich an dem Zukunftsspiel beteiligt. Die Aufgabenstellung: Als Politiker*in hier in Hamburg haben Sie Einfluss auf die Gestaltung unseres Zusammenlebens:

1. Was würden Sie gern abschaffen?

2. Was würden Sie gern verwirklichen/ wofür würden Sie sich einsetzen?

Und die Abschlussfrage an die Teams: Was könnten wir als Projektgruppe von engagiert + inklusiv auf den Weg bringen?

 

Alle sechs Teams haben sich im Zeitraum vom Sommer 2017 bis März 2018 intensiv beteiligt, einige haben 3 Sitzungen genutzt, um die Ergebnisse der Fragen zu diskutieren. 

Gemessen an Häufigkeit und Intensität (auch in den Diskussionen) wurden sechs Themenkomplexe herausgearbeitet:

 

  1. Finanzen/ Finanzierung des Lebens

Alle sechs Freiwilligenteams sprechen sich für das bedingungslose Grundeinkommen als vernünftige Grundsicherung  aus, das Probleme mit Jobcenter, Hartz IV und  die Belastungen durch gefühlten großen Druck auf Leute lösen könnte. Gerechtigkeit in Finanzfragen ist ein zweiter Punkt (Steuerpolitik verändern, keine Steueroasen zulassen, aber auch keine Profite durch Krankheit/ Behinderung zulassen). Gefordert wird eine echte Politik für „sozial Schwache“ mit echter Mietpreisbremse, bezahlbarem Wohnraum und vernünftigen, realistischen Sozialhilfeleistungen. Vorgeschlagen wird freier Eintritt für Menschen mit Behinderung/Einschränkungen in Museen und anderen Orten, „wo sie etwas lernen können“ – also eine „echte Sozialkarte“ wie in anderen Bundesländern, die die Beteiligung von Leuten mit Transferleistungen wirklich ermöglicht.

 

  1. Arbeitsbedingungen/ Arbeit

Problematisiert werden von fast allen Teams die Bedingungen in unserer Leistungs- und Beschäftigungsgesellschaft, denen nur Hochleistende entsprechen könnten. Aus diesem Grund fragen sich die Teilnehmenden, ob nicht Druck und Fremdbestimmung Menschen immer stärker psychisch krank machen.  Vorgeschlagen wird zudem eine angemessene Entlohnung im Alten- und Pflege-Arbeitsfeld. Ebenso wird diese für Mini- und Teilzeitjobs gefordert und dass diese nicht die  Grundsicherung schmälert.  Außerdem würde eine größere Auswahl an Ausbildungsmöglichkeiten für Leute mit niedrigem Schulabschluss gebraucht.

 

  1. Behördenthemen

Jedes Freiwilligenteam kritisiert die Bürokratie und die geringe Chance, etwa Formulare und die Behördensprache überhaupt, zu verstehen. Erlebt wird dies als „Behördenwillkür“. Empfohlen wird nicht nur weniger Bürokratie bei Anträgen, sondern auch Respekt und Höflichkeit gegenüber AntragstellerInnen. Auch sollten soziale und gesundheitliche Themen gründlicher besprochen werden, nach dem Motto: „Die Uhr bleibt stehen, wenn ein Thema nicht zu Ende besprochen wurde!“  Und hilfreich sei es, Tipps für Hilfestellung bei Anträgen zu bekommen (also, wo sind Personen/ Organisationen zu finden, die helfen können).

 

  1. Lebenswelt /  Mobilität

Gebraucht würden Bedingungen für eine soziale und umweltförderliche Lebenswelt: zB eine Sozialkarte für die kostenfreie Nutzung des ÖPNV, funktionierende Barrierefreiheit, keine Umwandlung von Sozial- in Eigentumswohnungen, mehr Freizeit- und Hundeflächen, mehr Jugendzentren und Spielplätze in den Quartieren und mehr Ampeln für blinde Leute. Gefordert wird eine klimafreundliche Mobilität, die Sperrung der Innenstadt für Autos und die Abschaffung von Atomkraftwerken. Vorgeschlagen wird die Umwandlung von Gewerbe- in Wohnraum und die Abschaffung der Verdichtungsbebauung zu Lasten von Grünflächen.

 

  1. Diversität

Stark machen wollen sich die Teams für Menschenrechte für alle, „auch für Menschen mit Migrationsgeschichte“, für mehr Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Auch  Inklusion und Integration müssten machbar und ehrlich umgesetzt werden. So seien Aufklärung über Beeinträchtigung und diverser Lebensformen wichtige Bausteine, um dieses Ziel zu erreichen. Außerdem müsse die Förderung für SchülerInnen mit Behinderung verbessert werden und dies nicht in Form von Zwangsinklusion ohne angemessene Ausstattung mit Personal. Die Teilnehmenden fordern weiterhin Therapiestunden nach Notwendigkeit und mehr Respekt und Anerkennung von Verschiedenheit: “nicht alle sind gleich“ !

 

  1. Projekt engagiert + inklusiv

Projektergebnisse und Forderungen:

  • Anerkennung des freiwilligen Engagements im Gesamtplan
  • Fördertopf in Hamburg für Fahrgelder
  • mehr eigene Ziele im Teilhabeplan;
  • Veränderung der Bedingungen für ASP: Vielzahl der zu betreuenden Klient*innen senkt Qualität der Betreuung und gekürzte Öffnungszeiten vermindern die Begegnungsmöglichkeiten. Nachbessern!

 

Action!

Was tun mit diesen Ergebnissen? Wir wollen sie folgenden Personen und Organisationen vorstellen und hoffen darüber mit ihnen zu diskutieren:

  • Frau Alheit (geschäftsführende Vorständin PARITÄTISCHER Hamburg)
  • Verbandsrat des PARITÄTISCHEN Hamburg)
  • Frau Körner, Gleichstellungsbeauftragte des Senats
  • Klaus Becker, Leitung vom Inklusionsbüro
  • Lokalpolitiker*innen einladen und mit ihnen diskutieren
  • Sozialausschuss der Bürgerschaft
  • Fachleute dazu einladen, mit Input diskutieren

Projektpartner engagiert + inklusiv:
Gemeindepsychiatrisches Zentrum Eidelstedt/GPZE e.V., Insel  e.V., Nussknacker e.V., Nordlicht e.V., Stiftung Freundeskreis Ochsenzoll, Vereinigung Integration & Assistenz/VIA e.V. 

 

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